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Sonntag, 31. Mai 2009

Samstag morgen, 1/2 5 ...

... eine seltsames regelmäßiges Geräusch lässt mich aus den Schlaf erwachen - dachte erst mal an Regen. Na ja, aber irgendwie ließ es mich dann doch keine Ruhe. Ich ging mal in die Küche, dann ein kurzes Alarmsignal, ein Blick aus dem Küchenfenster - tatsächlich DAS Feuerwehrauto von Chateh im Einsatz, und das vor meiner Haustür. Also mal angezogen und dann vor die Haustür. Die Postenkommandantin der Polizei begrüßt mich freundlich (sie ist ja eine der beständigsten Messbesucherinnen am Sonntag) und die anderen Polizisten sind gerade beim Löschen (die Mounties in den Reserves dürften tatsächlich so eine Art Universalauftrag haben: Polizisten, Sozialarbeiter, als Paramedic habe ich einen auch schon gesehen, Feuerwehr ... - fragt nicht weiter, warum das so ist).



Eines der Nachbargebäude hat Feuer gefangen. Und dass das angeblich in Nordamerika mit seiner speziellen Bautechnik und Bauordnung eher einfach ist, ist mir auch einigermaßen klar. Teerschindeln sind die Standarddachdeckung, freilaufende Stromleitungen, kreuz und quer durch das Siedlungsgebiet, Hausanschlüsse werden direkt von den Masten heruntergezogen, die Hausgasanschlüsse sind ungeschützt neben den Außenmauern der Häuser (im Reservat genau so wie downtown Toronto) ... irgendwie dürfte man eine Technik gefunden haben, dass die halbe Provinz Alberta (die ja mehr oder weniger auf einem Gemisch von Öl und Erdgas schwimmt) bei den vielen Haus- und Buschbränden bis jetzt nicht in die Luft geflogen ist *gg* ...

übrigens: Brand löschen auf chinesisch: 滅火 nein, mir ist nicht fad!!!!!

Samstag, 7. März 2009

Pax Britannica??

Im alten Rom gab es das Wort von der Pax Romana. Besonders ab Kaiser Augustus (nachdem er sich seiner Konkurrenten Antonius und Pompejus entledigt hatte - war dabei übrigens gar nicht zimperlich) wurde es sehr gebräuchlich, um sozusagen die Kriegsziele des römischen Heeres eigentlich für die nächsten Jahrhunderte zu definieren: Ziel römischer Expansion war offiziell eigentlich nie Eroberung um des Landgewinnes sondern es ging um Befriedung und Expansion der Zivilisation (sozusagen als Staatsidee) gegen die so genannten Barbaren (die Fremdvölker - die "Stammler" wie das griechische βάρβαρος auf Deutsch bedeutet). Dabei war man über die Zeiten wirklich nicht zimperlich und die generelle Idee im römischen Reich war, die Völker letztendlich römisch zu assimilieren (was irgendwie auch gelungen scheint, man bedenke nur die Verbreitung der romanischen Sprachen von Portugal über Frankreich bis nach Rumänien), auch wenn ein gehöriger Schuss griechischer Kultur hinzukam und gerade in der Spätzeit des römischen Reiches auch orientalische Einflüsse immer stärker wurden. Also, das war mal nur zum Verständnis der Überschrift.

Seit ich hier im Norden Albertas bin, wurde ich schon des öfteren mit dem Begriff der sogenannten Residential Schools konfrontiert. Diese Schulen dürften auf die Urbevölkerung Kanadas mit ihren Hauptgruppen der First Nations, der Inuit im Norden und der sogenannten Metìs einen ganz gewaltigen negativen Einfluss gehabt haben. Über die Details kann man ganz gut in Wikipedia nachlesen ... Um was es mir hier geht, ist, dass ich denke, auch wenn ich das übrige dazunehme, was ich von der Geschichte Kanadas bis jetzt erfahren habe, dass es vergleichbar mit der römischen Pax Romana eine Pax Britannica gibt.

Durch die ganze Zeit, nahezu seit der Zeit ihrer Ankunft im 17. Jahrhundert, versuchten besonders britisch-stämmige Kanadier sozusagen eine Leitkultur herauszubilden, der zu assimilieren es sich gilt (oder auch galt - das aber festzustellen, bedarf es mehr als eines Jahres Aufenthalt). Das hat auf jene Gruppen in Kanada einen massiven Impakt, die nicht dieser Leitkultur angehören - einmal natürlich auf die Urbevölkerung, die teilweise brutal im 19. Jahrhundert in Verträge hineingepresst wurden, die heute noch immer gelten, bzw. auf die Frankokanadier, deren Sprache erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts auch außerhalb der Provinz Quebec als gleichwertige Amtssprache anerkannt wurde (nachdem in dieser Zeit Kanada hart an der Grenze bewaffneter Auseinandersetzungen gestanden hat - und die Idee eines unabhängigen frankophonen Staates Quebec geistert noch immer mehr oder weniger deutlich in der Gesellschaft herum).

Natürlich: Es kann heute überall französisch gesprochen werden, auch vor Ämtern in Kanada (auch wenn die Frankokanadier sicher besser Englisch beherrschen als es umgekehrt der Fall ist - in punkto Faulheit zum Fremdsprachenerwerb können es die Anglokanadier durchaus mit den Deutsch sprechenden aufnehmen); auch gibt es seit den 80er Jahren keine Residential-Schools mehr (es wurden im Gegenteil gewaltige Summen an Wiedergutmachung ausgezahlt - zynisch gesprochen kommt diese jetzt sowieso wieder den "Weißen" zu gute, weil es ist ja schon faszinierend, wie viele neue Autos - und zwar keine kleinen - in den Reservaten unterwegs sind - auch eine Form eines vorgezogenen stimulus packages).

Aber was auffällt: Unterschwellig nehme ich von Seiten der anglokanadischen Bevölkerung bei aller Freundlichkeit und Höflichkeit doch eine gewisse Spannung war - oder ich möchte es eher eine kühl berechnende Form der Aggression bezeichnen. Das äußert sich einmal im Umgang mit der Natur, in der Art, wie über jene sich geäußert wird, die nicht so ganz dem common way of life sich anpassen - und obwohl um einiges sicherer als der große Nachbar im Süden, ist doch die Anzahl der Gewaltdelikte nicht unerheblich. Ein weiteres Indiz für diese latente Gewaltbereitschaft, die sich, wie gesagt irgendwie ganz gut verbirgt, aber doch irgendwie spürbar wird, ist Eishockey - zumindest wie dieser Sport hier betrieben wird. Ich habe immer gemeint, dass Bodychecks einfach passieren aber es im wesentlichen darum geht, einen Puck im gegnerischen Tor zu versenken - weit gefehlt: Es geht um den Kampf (es soll sogar in der ersten Liga Spieler geben, die als Eishockeyspieler eher mittelmäßig sind, aber dafür zu raufen wissen) und Raufereien am Eis werden hier als Höhepunkte gehandelt. Aber es wird vollmundig verkündet, dass dieser Sport die Nation zusammenbringt (Assoziationen mit dem Kollosseum und dem Prinzip Panem et Circenses steigen mir da auf) - Botschaft auf CBC: "Watch Hockey Nigth in Canada! - The sport which brings our Nation close together" - Vor Weihnachten starb übrigens ein Hockey-Player an einem Schädel-Hirn-Trauma als Folge einer solchen Rauferei (aber anstatt jetzt massiv die Regeln entsprechend abzustimmen, damit diese Raufereien verschwinden, wird tatsächlich prominentest für das Weiterbestehen dieser Raufereien eingetreten - Gladiatorenkämpfe).

Wenn ich dieser Wahrnehmung jetzt noch so manche historischen Gegebenheiten der letzten 500 Jahre hinzufüge, so manch Philosphien aus dem angloamerikanischen Raum ansehe, die teilweise Brutalität von weltanschaulichen Auseinandersetzungen in Nordamerika betrachte, komme ich nicht umhin, eine stark individualisierte Gesellschaft vor mir zu sehen, die mehr oder weniger mühsam durch Traditionen und Regeln zusammengehalten wird.

Irgendwann werde ich weiterschreiben ...

God bless you

Sonntag, 1. März 2009

Biertisch und Journalismus

Das Politiker undifferenziert und vereinfachend herumpoltern um die Lufthoheit über die Stammtische zu bekommen, ist ja weidlich bekannt. Was ich aber vor zwei Tagen in den kanadischen Nachrichten aus dem Mund des Starkommentators hörte, das hätte in Österreich dem nach oben gespülten Generalvertreter einer Ideologie, die schon 64 Jahre lang auf der Müllhalde der Geschichte verrotten sollte, alle Ehre gemacht.

Zuerst einmal der Hintergrund. Vielleicht habt ihr schon mal mitbekommen, dass Präsident Obama unter anderem einen neuen politischen Kurs bezüglich des Klimawandels und des Umweltschutzes fährt. Unter anderem ist dabei auch das Thema "Dirty Oil" von den Athabascan Oilsands (oder auch tar sands) zur Sprache gekommen.

Worum geht es dabei: Die kanadische Provinz Alberta beherbergt Ölreserven, die zu den weltgrößten gehören. Nur leider liegt dieses Öl in einer etwas ungünstigen Form vor, nämlich als Ölschiefer. Was nichts anderes heißt, als dass das Erdöl in Stein bzw. Sand (ich glaube in der Konsistenz nicht unähnlich unserem Flins) gebunden ist (übrigens gibt es das auch in Österreich, genauer gesagt im Tiroler Bad Pertisau - nur dort macht man daraus Kosmetik). Vorteil ist aber wiederum, dass dieser Ölschiefer zu einem guten Teil per Tagbau erschlossen werden kann. Der abgebaute Ölschiefer wird destiliert und die Abwässer in grossen Teichen (sprich in europäischen Verhältnissen Seen) gebunkert. Da die Abbauzonen fast ausnahmslos in den borealischen Wäldern des Nordens der Provinz liegen, wird durch diese Bergbautätigkeit der Natur auf großen Flächen so großer Schaden zugefügt, dass sich die betroffenen Areale wahrscheinlich über Jahrhunderte nicht erholen werden (das kann man in etwa vergleichen mit der Zerstörung von Grasnaben im Hochgebirge - die bedürfen auch einer ungestörten Regeneration von etwa 30 Jahren - im Falle natürlich der borealischen Wälder mit ihren Fichten und Birken unter den Bedinungen einer Vegetationsphase von Mai bis in Etwa Ende Oktober und Winterdurchschnittstemperaturen von etwa -15° bis -20° kann das natürlich um einiges länger dauern).
Eine weitere Abbaumethode sieht das Einpumpen von Wasserdampf in unterirdische Lagerstätten vor, um das Öl sozusagen aus dem Fels herauszudestilieren. Auch dieses Öl - Wasserdampfgemisch hinterlässt nach dem Herauslösen des Öls eine stinkende giftige Brühe, die ebenfalls meines Wissens in grossen Klärbecken gelagert wird.

Was ist nun genauer passiert: National Geographic, ein bekanntes amerikanisches Magazin (welches auch auf deutsch erscheint - vielleicht kann es jemand besorgen - dann könnt ihr nachlesen) berichtet in seiner gewohnt gut gemachten journalistischen Aufmachung mit vielen, hervorragenden Bildern von diesen Abbauzonen nördlich von Fort McMurray in North Eastern Alberta. Und natürlich ist anzunehmen, dass dies nun einigen Profiteuren dieses Ölabbaus gar nicht so recht ist.

Was ich nun wirklich skandalös finde ist, dass in einer Nachrichtensendung der Chefkommentator des Senders CBC, Rex Murphy ganze 5 Minuten auf das tiefste über den Artikel herzog. Er sprach dabei von den vielen Menschen aus den Maritimes (das sind die Provinzen östliche von Quebec am Atlantik: New Foundland - Labrador, New Brunswick, Nova Scotia und als die kleinste von allen Prince Edward Island) die in Alberta Arbeit gefunden haben, von dem Nutzen, den alle Nordamerikaner von diesem Öl haben (ich auch, ich fahre ja jetzt auch ein Auto, das unter Idealbedingungen zwischen 15 und 16 Liter Normal säuft) und und und. Und zieh natürlich alle, die nicht dieser Meinung sind, gleich mal der Heuchelei, weil sie ja selber Auto fahren, weil im Falle National Geographic auch diese Zeitung selber gar nicht erscheinen könnte, würden nicht in Alberta (Oilberta) die vielen Wälder geopfert ... Insgesamt 5 Minuten bester Sendezeit nur für diese Philipika.

Rein inhaltlich gäbe es natürlich jede Menge hier anzumerken:
Ein paar Dinge seien erwähnt:
  • Zum Argument, dass Menschen aus ganz Kanada dort Arbeit fanden. Warum wird nicht genug unternommen, um die Binnenwirtschaft der Herkunftsregionen zu stärken - Weil eines ist auch klar: die ganzen Ölsiedlungen (auch in meiner Gegend - Zama und Rainbow Lake) sind nur für die Boomzeit aus dem Boden gestampfte Trailersiedlungen, die genau so schnell verschwunden sein werden, wie sie auftauchten (nachdem man den eigentlichen Eigentümern das Land um ein paar Kreuzer und billige Versprechungen abgeluchst hatte)
  • Die Abraumhalden vergiften auf Dauer die Umwelt - es gibt erste Berichte dass in der Siedlung Fort Chipewan es zu einer auffälligen Häufung an Krebserkrankungen über Jahre hindurch kommt (die ist tatsächlich statistisch signifikant)
  • Die traditionellen Jagd- und Fischereigründe der ansässigen Wood-Cree sind auf Generationen geschädigt, womit diesen Ethnien endgültig ihre angestammte Lebensgrundlage entzogen ist.
  • Bei allen lieben und netten Aktionen (z.B. One Million Acts of Green) bleiben die Ansagen der Politik im Bereich Umweltschutz sehr vage (da können Österreichs Grüne noch so gegen unsere Regierung wettern; im Vergleich zu dem in den Medien vermittelten kanadischen Grünprogramm ist eine allfällige Betriebsanlagengenehmigung einer Zementfabrik aus den 70er Jahren ein Grünmanifest)
Alles in Allem, es ist schon interessant, etwas tiefer in ein Land hineinzusehen - und vielleicht habe ich als jemand, der leicht misstrauisch wird, sobald etwas all zu schön und zu gut gefeiert wird, einen sechsten Sinn für so manches ... ich weiß nicht ...

Mit anderen Topics geht´s demnächst weiter

God bless you

Freitag, 23. Januar 2009

Priester oder Schamane?

"Father - I want to have my Baby baptized!" - Ich glaube 6 oder 7 verschiedene Leute haben mich schon mit diesem Anliegen angerufen. Bis jetzt hatte ich 2 Taufgespräche, 1 Taufe und zu einer zweiten Taufe sind die Leute nicht erschienen - Begründung zu letzterem - eigentlich - "Nicht-Ereignis", "I had no possibility to come to church - because my father wasn't here." - Es stellt sich mir nun natürlich die Frage, was für die Natives Taufe eigentlich bedeutet.

Ich habe dieses Problem auch bei der Priesterkonferenz vergangenen Dienstag angesprochen - also mal gleich vorweg; für meine Gesprächspartner war das mal nichts neues. Und so versuchte ich mir ein wenig Gedanken zu machen, was hinter diesem eigentümlichen Verhalten möglicherweise stehen könnte.

Möglicherweise meinen die Natives in unserem Raum mit Taufe etwas anderes als die Kirche. Mir kam so der Gedanke, dass die Taufe eines Kindes sozusagen als apotropäischer (das Böse bannender) Ritus betrachtet wird; und eine Gesprächspartnerin bei der Konferenz erzählte tatsächlich von einer Begebenheit, dass eine junge Mutter zu ihr mit dem Baby kam mit der Bitte, es zu taufen, da es Alpträume hat. Und tatsächlich erzählte mir mein Vorgänger F. Filion, dass den Menschen hier die Taufe unheimlich wichtig ist (was man von den anderen Sakramenten nicht sagen kann - es sind z.B. nur ein Bruchteil der Jugendlichen hier gefirmt - es ist eher wahrscheinlich, dass eine 15jährige Schülerin hier schwanger ist als gefirmt). Auch das wird verständlich, wenn man bedenkt, dass in dieser Kultur eigentlich keine Übergangsriten zum Erwachsensein bekannt sind (f. Spezialisten: Transitional Rites; Übergangsriten). Bis vor etwa zwei Generationen lebten die Völker des kanadischen Nordens als Sammler, Jäger (wenn auch mit teilweise schon moderner Ausrüstung wie Gewehren u.ä.) und Fallensteller. Sie lebten entgegen der durch Karl May und James Fennimore Cooper genährten landläufigen Vorstellung der Europäer in weitestgehend separierten kleinen Familiengruppen in den unendlich anmutenden Weiten der borealischen Wälder. Treffen fanden eher sporadisch statt und waren so etwas ähnliches wie eine Mischung eines lang andauernden Gottesdienstes, Heirats- und Tauschmarktes, und mehrtägigen Tanzfestes. Und natürlich fanden diese Feste eher im Sommer statt. Diesen Umstand gilt es auf breitester Basis immer mitzudenken (hat Auswirkungen in das kirchliche Leben, aber auch auf die Gesellschaft bis in die Politik hinein).

Diese und ähnliche Ereignisse lassen mich vermuten, dass Priester in den Augen der meisten Natives eher als Schamanen als als das betrachtet werden, was sie nach römisch-katholischer Auffassung eigentlich sind - Vorsteher der christlichen Gemeinde - vor allem mal in Hinsicht auf Gottesdienst und Sakramenten, bzw. auf spirituelle Begleitung. Sicher nicht aber als Vermittler von "Heilskräften" aus einer anderen, höheren Welt.

Ein grundsätzliches Problem scheint gerade in Bezug auf die Natives zu sein, dass es hier teilweise noch an Inkulturation fehlt - womit Inkulturation als Übersetzen von Bestehendem in die einzelnen Idiome sicher zu kurz gegriffen ist. Es ist tatsächlich an einer der Sprache und der Philosophie dieser Menschen adäquaten Theologie zu feilen. Vielleicht hat das schon irgendwo begonnen - ich weiß es nicht - aber Breitenwirkung hat es eigentlich noch nicht erreicht ...

Mittwoch, 14. Januar 2009

Probleme in der Community - der zweite Teil

Wenn von Native American die Rede ist, dann haben nicht wenige Westeuropäer eine Reihe von Assoziationen, die nicht selten einen gewissen Romantizismus wiedergeben. Bei mir war es auch nicht anders. Da ist die Rede von Naturverbundenheit, von Spiritualität - ja, der edle Wilde geistert durch unsere von James Fennimore Cooper (Lederstrumpf; Der letzte Mohikaner) und Karl May (Winnetou 1,2,3 u.v.a.) geprägten Vorstellungen von den Ureinwohnern Nordamerikas. Die Wirklichkeit ist leider um vieles prosaischer und vor allem mich trauriger stimmend.

Grundsätzlich dürfte es so sein, dass diese Bevölkerungsgruppe in den letzten Jahrzehnten von der Lebensweise eiszeitlicher Jäger und Sammler (unabhängig davon, dass sie schon durch Jahrhunderte Schusswaffen gebrauchen und im wesentlichen moderne Kleidung tragen) in unseren Kulturkreis hineinverpflanzt wurden - und das in diesem Tempo eigentlich gar nicht gelingen kann.

Ich beginne mal zu skizzieren, welche Grundhaltungen eiszeitliche Jäger und Sammler bestimmt haben:

Zuerst galt es die Ressourcen die in der kargen Natur geboten waren schonendst zu nutzen - knapp waren genießbare Pflanzen ebenso wie jagdbares Wild, knapp war auch die Sommerzeit mit seinem angenehmen Klima. Somit wurden hier zwei Dinge wichtig: Nur aus der Natur zu nehmen, was man braucht und seine eigene Energie zu schonen. Nachdem nicht gesät und geerntet wird, bedarf es eigentlich nicht wirklich eines Zeitbegriffes - wichtiger war allemal Zeit und Raum zu wissen, wo z.B. Caribuherden durchziehen - bzw. diesen gleich mal in einem gewissen Maße zu folgen. - Wenn ich diese beiden Faktoren in meine Denkkategorien übersetze, heißt das: Das zu tun, was unmittelbar wichtig erscheint, sobald sich eine Gelegenheit ergibt oder etwas zu tun ist (und dabei länger geplantes aus dem Auge zu verlieren) oder was einem gerade wichtig erscheint. Und ich nehme das was ich brauche (was z.B. auch Diebstahl von Kleinigkeiten beinhalten kann).

Natürlich ist klar, dass dieses Lebenskonzept, das in keiner Weise den Begriff Planung beinhaltet, in unseren modernen Gesellschaften zum Scheitern verurteilt ist.

Nun bestünde durch die z. großen Teil autonomen Reservate natürlich die Möglichkeit eine Art Neuinterpretation ihrer alten Lebensart zu leben (die Inuit im Hohen Norden tun dies teils ziemlich erfolgreich und haben sogar ihren eigenen Bundesstaat - Nunavut) - aber dem steht das "Energiesparen" entgegen. Warum soll man Fallen stellen und Jagen gehen, wenn man von der Regierung sowieso Sozialhilfe erhält?

Dazu kommt noch, dass durch einen sicherlich falschen Versuch die Ureinwohner zu integrieren, indem man ihre Kinder (gegen deren Willen) in Internatsschulen verfrachtete, um ihnen die kanadische Lebensart beizubringen (so geschehen zwischen 1920 und 1970), viel Leid über viele Familien gebracht wurde.

Nun wir befinden uns im angelsächsischen Rechtssystem, irgendwelche Rechtsanwälte bekamen eine Studie zu Gesicht, in der die Ungerechtigkeit dieser Schulen herausgearbeitet wurde, und offerierten den Ureinwohnern, sie bei Schadenersatzansprüchen vor Gericht zu vertreten (gegen 20 - 30% des bei Gericht erstrittenen Betrages - wenn nicht mehr). Kurz gesagt: die Klagen hatten Erfolg und teilweise erhalten jetzt einzelne Betroffene bis zu $1000,- /Monat als Wiedergutmachung. Nur leider wird dieses Geld meist in unnötige Dinge angelegt und nicht selten zu einem guten Teil einfach versoffen.

Auch die Kirchen (als Träger sehr vieler solcher Internatsschulen) haben eine Summe von etwa 50 Mio. $ bereitzustellen - aber dieses wird nicht an einzelne Betroffene ausgeschüttet, sondern dient vielmehr zum Aufbau kanadaweiter "Healing Services" - professionelle Dienste und Projekte, um die Natives in ihren Anliegen zu unterstützen - diese Projekte sollen sich über mehrere Jahre erstrecken. - Vielleicht könnte man zynisch bemerken, dass die Kirche nun mit ihrer Wiedergutmachung den Schaden repariert, den die staatliche Wiedergutmachung angerichtet hat ... Naja, den Rechtsanwälten kann es nur Recht sein - sie haben ihr Schärflein kassiert ...

Demnächst geht es weiter

Mittwoch, 7. Januar 2009

Ein beeindruckendes Zeugnis

Am Neujahrstag feierte ich in Meander River die Heilige Messe. Am Anfang hat es danach ausgesehen, als die beiden mich begleitenden geistlichen Schwestern und ich alleine wären – obwohl die Gemeinde mich gebeten hat, zu kommen. Aber eine ¼ Stunde später waren wir zu viert und während der Predigt kamen noch 3 weitere Mitfeiernde dazu (ihr wisst schon – Indian Time …).
Nach der Hl. Messe lud uns eine der Mitfeiernden – Rosemarie – zum Mittagessen ein (Turkey, Mashed Potatoes, … das übliche halt). Die Begegnung aber mit diesem Ehepaar war dann eine meiner spannendsten und beeindruckendsten Begegnungen bis jetzt in Kanada.
Rosemarie arbeitet als Sozialarbeiterin (ich vermute sogar im Sold der Diözese – genau weiß ich es aber nicht) im Reservat Meander River. Beeindruckend vor allem, wie sie zu diesem Beruf gefunden hat. Ihr damals 24jähriger Sohn wurde 2004 in Chateh getötet (vermutlich eine „b'soffene G'schicht“ - wie ich indirekt dem Gespräch entnehmen konnte). Während der Trauerphase verspürte sie immer mehr den Ruf, einen Beitrag zu leisten, dass dies nicht mehr geschieht und ließ sich in Kursen zur Sozialarbeiterin ausbilden.
Beeindruckend war vor allem, was sie zum Thema Vergebung und Verzeihen gesagt hat. Sie ließ nicht zu, dass Wut, Hass und Zorn sie blindwütig verzehrten. Nein im Gegenteil, sie kann der Familie des Täters, und so weit ich es verstanden habe, sogar dem Täter selbst in die Augen sehen. Das ist aber nicht Verdienst eigener heroischer Leistung und Selbstüberwindung sondern vielmehr gab ihr ihr Glaube Kraft in dieser schweren Zeit. Und auch jetzt merkt sie, wie sie im Gebet Kraft findet ihre manchmal hoffnungslos scheinenden Aufgaben in der Gemeinschaft zu lösen.
So und jetzt warte ich darauf, diesen Artikel als ersten durch meinen Internetanschluss im Pfarrhof zu schicken. Der Techniker ist schon da – es kann sich jetzt nur noch um eine kurze Zeit handeln
God bless you

Freitag, 2. Januar 2009

Indigene Kultur – Ideal und Wirklichkeit ...???

Nein – das wird jetzt keine Abhandlung – aber ich werde jetzt von Zeit zu Zeit versuchen, anhand der Einträge in meinem Reiseführer (der wirklich gut ist – Iwanowski's Tipps! für individuelle Entdecker; Kanada – Westen mit Südalaska) und meinen Erfahrungen ein subjektives Bild der Realitäten der indigenen Kultur der Dené Tha zu vermitteln. Wie gesagt: es ist ein subjektives Bild und erhebt in keiner Weise Anspruch auf Allgemeingültigkeit – aber denke dann doch, dass es seine Richtigkeit haben kann.
Vorerst ist einmal zu beachten, dass ich als Waldviertler möglicherweise einen etwas anderen Blickpunkt einnehme als viele andere Menschen hier. Ich möchte mal damit beginnen, dass ich beschreibe, was möglicherweise Waldviertler und die Dené Tha gemein haben.
In mancherlei Hinsicht ist die Lebenssituation der 1st Nations in Kanada nicht unähnlich jener der Waldviertler vor vielleicht 30 bis 40 Jahren. Die allgemeine gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung hat diese Menschen weit zurückgelassen. Der Grund dafür liegt nicht unwesentlich darin, dass die 1st Nations – teilweise fundamental – andere Wertbegriffe haben, als die Gesellschaft der „Weißen“ (ich nehme dieses Wort einmal generell für „Nicht-Natives“). Eine solche Unterschiedlichkeit in der Wertigkeiten fand sich in nicht unerheblichen Teilen der Waldviertler Bevölkerung. Gepaart mit einer Reihe weiterer benachteiligender Umstände wurde auch das Waldviertel nicht unerheblich abgehängt.
Ein weiterer Punkt ist die Heimatverbundenheit. Das diese bei den Waldviertlern sehr ausgeprägt zu sein scheint, brauch ich ja nicht weiter zu erklären. Bei den Dené Tha ist das Land der Ahnen selbst etwas heiliges. Konnte man vielleicht noch mit dem Nützlichkeitsdenken angelsächsischer Prägung nachvollziehen, warum die Dené in historischer Zeit nicht in den Süden gekommen sind (die anderen Stämme der Prärie haben das erfolgreich verhindert), so könnte man sich ja nun wirklich fragen, warum diese Menschen noch immer in diesem Land leben, wo sie wo anders doch wesentlich einfacher leben könnten. Es ist die oben angeführte Verbundenheit mit dem Land, der diese Menschen nicht weggehen lässt.
Natürlich sind da nicht unerhebliche Unterschiede: z.B. sind die Dené (wie auch andere Stämme) nicht wirklich ambitioniert – d.h. es wird eher erst dann mal etwas gemacht, wann es notwendig scheint, auch gibt es kaum länger anhaltende Planung und der nicht vorhandene Zeitbegriff der nordamerikanischen Urbevölkerung ist sowieso sprichwörtlich (das hat nichts mit Unpünktlichkeit zu tun – alles Tun und Lassen wird wirklich vom Augenblick bestimmt). - Aber aus der nomadischen Kultur von Sammlern und Jägern, zumal in den arktischen und subarktischen Zonen, wird das wohl verständlich – es galt Energie (eigene Körperenergie wie auch Holz) zu sparen, nachhaltig für Generationen mit den wenigen Ressourcen umzugehen und die langen eisigen Winternächte stellen sowieso ganz eigene Anforderungen.
Demnächst geht es weiter mit: Probleme in der Community …

God bless you - und schaut euch noch ein paar Posts darunter an - diesmal habe ich offline auf Vorrat geschrieben und 4 Posts nacheinander eingestellt